BRIDGE – Schulgeschichte aus zwei Welten

Zurück zur Übersicht

Elftausend Kilometer, ein Ozean, zwei Schuljahre, die zur selben Zeit laufen: Im Schuljahr 2025/26 haben Kinder aus Graz und aus den peruanischen Anden einander Briefe geschrieben. Was daraus wurde, ist mehr als ein Kalender.

Wie alles begann

Am Anfang stand eine Frage: Wie leben Kinder am anderen Ende der Welt? Wie fühlt sich Schule dort an? Im Herbst 2025 wurde daraus die Projektidee „Post aus zwei Welten“, eingereicht beim FairYoungStyria-Preis für Globales Lernen des Landes Steiermark – und als eines von nur zehn Schulprojekten steiermarkweit prämiert. Zwei Mädchen der 1c nahmen den Preis persönlich entgegen und erklärten das Vorhaben mit ihren eigenen Worten:

„Wir wollen Kinder aus Österreich mit Kindern aus Peru verbinden. Uns interessiert besonders: Was ist bei ihnen ganz anders als bei uns? Und genauso: Was ist eigentlich ganz ähnlich?“

Wer mitgemacht hat

BRIDGE verbindet die 1c des BG/BRG Lichtenfels in Graz – rund 30 Kinder im ersten Gymnasialjahr – mit Volksschulkindern in der Region Áncash: der Schule Mario Mauro Torres Mezarina im Distrikt Anta (Provinz Carhuaz) und der Schule Nr. 86079 in der kleinen Gemeinde Ichoca. Beide Orte liegen auf 2.700 bis 3.500 Metern, zwischen Cordillera Blanca und Cordillera Negra.

Wir von AufwindPeru haben das Projekt fachlich begleitet, den Austausch organisiert und jeden einzelnen Brief in beide Richtungen übersetzt – inklusive Erklärungen für all die Wörter, die es nur in einer der beiden Welten gibt, vom Cuy bis zum Wiener Riesenrad. Vor Ort in Peru hat unsere Partnerorganisation Urpichallay die Zusammenarbeit mit den Schulen koordiniert.

Briefe überqueren den Ozean

Am Anfang stand eine leere Seite und die Frage, wie man jemanden begrüßt, den man nie gesehen hat. Die Kinder haben sie auf beiden Seiten gleich gelöst: Name, Alter, Lieblingstier – und dann Fragen, viele Fragen.

Im April trafen die ersten Briefe aus Anta in Graz ein, verziert mit Herzen, Sternen und Pompons. Die 1c antwortete mit Postkarten, die Graz zeigen: Uhrturm, Murinsel, Schloss Eggenberg. Aus Ichoca kamen ganze Themenhefte dazu – über die Familie, das Wasser, das Essen und die Berufe der Eltern.

Und genau dort passierte das, was kein Vortrag der Welt leisten kann. Mein eigener Sohn kam während des Projekts zu mir und sagte:

„Mama, die schreiben immer über ihr Wasser, über ihre heilige Quelle. Ich würde nie auf die Idee kommen, über das Wasser in Österreich zu schreiben.“

Das ist der Moment, in dem ein Kind begreift, dass es andere Lebensrealitäten gibt: Familien, die von dem leben, was sie selbst anbauen, und für die jeder Bach kostbar ist – gerade jetzt, wo der Klimawandel in den Anden viele Quellen versiegen lässt.

Zwölf Themen, eine Kinderjury

Parallel arbeiteten die Kinder in Graz, Anta und Ichoca an denselben zwölf Kalenderthemen: Schulweg, Pause, Essen, Tiere, Feste, Wünsche und Träume. Es entstanden Texte, Plakate und Zeichnungen – in Anta zum Beispiel der Hahn, der dort die Kinder statt eines Weckers weckt.

Wer am Ende in den Kalender kommt, haben die Kinder selbst entschieden: In einer gemeinsamen Kinderjury beider Länder, verbunden über ein Online-Treffen und ein eigens gebautes digitales Abstimmungstool, wählten sie ihre Favoriten je Thema. Mitbestimmung, kindgerecht und nachvollziehbar.

Was geblieben ist

Zum Schuljahresende wurde der zweisprachige Kalender gedruckt – 200 Stück, kostenlos gedruckt von der Druckerei Winkler, denen unser herzlicher Dank gilt. Beim Schulfest im Juli wurde er präsentiert und verkauft, begleitet von der Ausstellung „Galerie der zwei Welten“ mit Originalbildern beider Länder, Steckbriefen und Videobotschaften der peruanischen Kinder.

Die Hälfte des Erlöses fließt in Bildungsprojekte von AufwindPeru, die andere Hälfte in weitere Projekte der Klasse. So wird Solidarität nicht erklärt, sondern gemacht.

Für uns ist BRIDGE gelebtes reziprokes Empowerment: Wir gehen nicht in ein Land, um zu erklären, wie die Welt funktioniert. Wir lernen voneinander, jede und jeder verwurzelt im eigenen Leben, mit offenem Blick auf das Leben der anderen. Die Kinder haben genau das vorgelebt. Sie haben Fragen gestellt statt Urteile gefällt. Sie haben zugehört.

Und dass am Ende auf beiden Seiten des Ozeans derselbe Satz steht, sagt eigentlich alles:

„Hoffentlich sehen wir uns einmal.“ „Ojalá nos veamos algún día.“

In einer Zeit, in der so viel vom Gegeneinander die Rede ist, haben diese Kinder ein Miteinander über elftausend Kilometer geschaffen – mit Buntstift und Papier, in der guten alten Form des Briefes. Die Welt braucht keine weiteren Gräben. Sie braucht Menschen, die Brücken bauen. Diese sind zwischen zehn und zwölf Jahre alt.

Danke

Danke an die Schulleitung des BG/BRG Lichtenfels für den Blick über den Tellerrand, an die Lehrerinnen und Lehrer beider Länder, die BRIDGE in Deutsch, Kunst und digitale Grundbildung hineingetragen und an Wochenenden Kalender gestaltet haben, an unsere Kolleginnen und Kollegen von Urpichallay – und vor allem an die Kinder, die sich getraut haben, einander ihr Leben zu zeigen.

Diese Brücke steht. Gehen wir weiter darüber, in beide Richtungen.


Zum Nachlesen

Die komplette Dokumentation des Projekts – mit allen Briefen, Themenheften und Bildern aus Graz, Anta und Ichoca – gibt es hier als PDF zum Download:

Interesse am Kalender? Schreibt uns an info@aufwindperu.org.

Spenden

Jeder Beitrag hilft, Kindern und Jugendlichen neue Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Bankdetails

AufwindPeru – Verein zur Förderung der Kinder des Andenkondors

IBAN: AT88 2081 5000 0156 1125